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Transatlantik 2012

Die Überfahrt

Welcher Segler träumt nicht davon einmal mit dem Segelboot den Atlantik zu überqueren? Zumindest habe ich mir das sagen lassen und auch aus etlichen Blogs herauslesen können, ich bin nämlich eigentlich gar kein Segler. Ich habe es aber dennoch geschafft, bei so einer Reise dabei sein zu dürfen und das auch noch als zweites von zwei Besatzungsmitgliedern. Alte Bekannte meinten ich habe ein Rad ab. Verwandte mit Segelerfahrung haben meine Stiefeltern mit Riesenwellen beunruhigt und meine etwas laienhaft wirkenden Anfragen in diversen Newsgroups und Foren, welche sich mit dem Segeln beschäftigen, wurden häufig mit einem »Rest in Peace« quittiert.

Ja was macht man, wenn man sich tausende Kilometer von Hilfe entfernt mit einem gebrochenen Bein wieder findet? Um es vorweg zu nehmen, keine Ahnung, wir haben uns halt keines gebrochen. Wie lange wird es dauern, bis Hilfe eintrifft? Gute Frage, wir haben auf der gesamten Reise nicht ein Schiff am Horizont gesehen, kein Flugzeug am Himmel, keinen Satelliten und sogar die Delphine haben uns nach zwei Tagen im Stich gelassen. Lediglich ein paar fliegende Fische haben wir aus dem Wasser getrieben und mitten auf dem Atlantik hat sich eine Seeschwalbe zu uns gesellt. Das war dann schon eine Aufregung. Wo die plötzlich herkam, tausende Kilometer von jedem Festland entfernt, war uns ein Rätsel aber sie hat uns tapfer den Rest der Reise begleitet. Ach ja und ein Thunfisch ging uns an die Angel, eher ein kleiner aber dennoch hat er uns insgesamt sechs Mahlzeiten beschert. Fangfrisch sozusagen…

Ich habe etliches gelesen, wie man sich auf so eine Reise vorbereitet, wie man sich verhält, was man machen soll und was man lassen soll, was man mitnimmt und was man Zuhause lässt aber irgendwie haben wir uns an nichts gehalten. Selbst die Macken am Boot haben wir mit einem Achselzucken hingenommen. Da wäre mal das kaputte Radar, die defekte Invertierung der Beleuchtung des Kartenplotters oder der defekte USB Port des Satellitentelefons zu nennen. Letzteres hat mich doch arg getroffen, wäre ich doch für die Wetterdaten im Grib-Format zuständig gewesen. Ansonsten aber war unser Boot, eine Privilege 495 von Alliaura Marines, für so eine Reise hervorragend geeignet. Der erste Besitzer des knapp 50 Fuß langen Katarmarans war der Werftbesitzer selbst und so hatte die »Magick II« auch noch eine ausgesprochen hohe Ausstattung, was mir allerdings ein wenig peinlich war. Seefahrerromantik kommt auf einer weißen Ledercouch, eigener Doppelkabine mit warmer Süßwasserdusche und insgesamt vier Flachbildschirm TVs nicht wirklich auf. Wobei Gott sei Dank auch noch die Satellitenschüssel kaputt war. Das Schlimmste was uns hätte passieren könnte, wäre deutsches Fernsehen gewesen.

Auch was den Proviant anbelangt haben wir uns keinen ausgeklügelten Ernährungsplan erstellt, sondern haben einfach mal wild darauf los gebunkert. Wir haben drei Wochen für die Überfahrt von Santa Cruz de La Palma nach Antigua in der Karibik einkalkuliert und konnten auch ohne große Pläne recht gut abschätzen, was wir zu zweit dafür brauchen werden. Mit einer größeren Besatzung mag das dann schon anders aussehen aber so haben wir mal haufenweise Nudeln, passende Soßen, sonstige Konserven, frisches Obst, Gemüse und Trinkwasser in 5l Kanistern gekauft. Als Schmankerl für zwischendurch waren dann ein T-Bone Steak, frische Muscheln und andere Meeresfrüchte die kulinarischen Highlights. Inklusive dem selbst gefangen Thunfisch. Eigentlich hatten wir von allem zu viel, was aber durchaus so gewollt war, weil wir in der Karibik vier Kinder und drei weitere Erwachsene erwarteten und somit recht schnell die Reste aufgebraucht werden konnten. Was mir dann allerdings doch gefehlt hat, waren Süßigkeiten. Davon hatten wir zu wenig an Bord aber so hat man sich dann schon auf die abendliche Rippe Schokolade freuen dürfen. Geschadet hat das auf alle Fälle keinem von uns…

Am 9. März 2012 gegen 18:00 sind wir dann ausgelaufen und ich hatte immer noch keine Ahnung vom Segeln. Dafür hatte ich gleich am ersten Tag die Nachtwache und mein Job war es die Augen nach anderen Schiffen offen zu halten und den Kurs im Auge zu behalten. Den Autopiloten haben wir nach Wind eingestellt, was zumindest mal konstanten Wind in den Segeln zur Folge hatte aber auch eine Kursänderung, falls der Wind sich dreht. Wobei man aber auch in den Ausläufern der Passatwindzonen nicht unbedingt mit eklatanten Windwechseln zu rechnen braucht. Dieser konstante Einfall der Windrichtung war vor allem in den ersten Tagen wichtig, weil wir ein ca. 200qm großes Parasail gesetzt hatten, welches eigentlich nur dann wirklich zu gebrauchen ist, wenn man in etwa vor dem Wind her fährt. So blies der Wind für diese Gegend typisch aus Ost-Nord-Ost und hat uns zielgerichtet mit 8 bis 10 Knoten Fahrt nach West-Süd-West geblasen. Schon am zweiten Tag hatten wir ein Etmal von über 200 Seemeilen erreicht, was sich durchaus positiv auf die Stimmung ausgewirkt hat.

Hier hatten wir schon die ersten zwei Widersprüche zu den Reiseberichten, die ich kannte. Viele waren schon froh über ein dreistelliges Etmal und alle hatten die großen Blister, Passatwindsegel oder Parasails nachts eingeholt. Man sieht nachts ja schlecht wo man hinfährt und die Gegend ist bekannt für seine kleinen lokalen Gewitterzellen, sogenannte Squalls, welche für so große Segel gefährlich werden können. Liegt so ein Segel dann mal im Wasser, ist es in der Regel nicht mehr zu gebrauchen. Nach ca. einer Woche mussten wir dann auch diese Erfahrung selbst machen. Kurz nach Wachwechsel, ca. um 05:00 Uhr morgens sind wir im Stockdunklen mitten in so einen Squall geraten. Der Wind hat auf über 30 Knoten aufgefrischt und das ganze Boot machte einen Höllenlärm. Man spürte förmlich die Kraft im ganzen Boot mit der wir durchs Wasser gezogen wurden, als es plötzlich mit einem lauten Knall gespenstisch ruhig wurde. Das war es dann mit unserem Parasail. Wir brauchten knapp eine Stunde um das kaputte Segel zu bergen, was gar nicht so einfach war, denn der Wind blies immer noch kräftig und es regnete auch noch wie aus Kübeln. Obendrein war es immer noch stockdunkel, was aber gar nicht so nachteilig war, denn die ganze Aktion war sicherlich nicht ungefährlich. So konnte ich mich auf das wesentlich konzentrieren, weil ich auch nur das wesentliche gesehen habe.

Wir hatten also unser Lehrgeld bezahlt. Weiter ging es dann mit erst mal gedrückter Stimmung und gedämpfter Fahrt mit nur noch ca. 5 bis 8 Knoten. Aber ich hatte Bewunderung für das Krisenmanagement vom Armin. Da ist kein lautes Wort gefallen, die Anweisungen kamen ruhig, sachlich und geduldig. Wir zwei kannten uns eigentlich gar nicht, wir hatten uns vor er Abfahrt vielleicht nur zwei-, dreimal auf ein Bier getroffen. Ich fand, dass das kein Nachteil sein muss, denn man hat keine bestimmten Erwartungen an den anderen, man ist nicht vorbelastet und die Hemmschwelle sich blöd anzureden liegt auch wesentlich höher. Selbst wenn man etwas finden sollte, was einem nicht behagt, sind doch noch zwei erwachsene Menschen unterwegs, die sich auch mal zwei Wochen zusammenreißen können. Was mich betrifft, war ich mir auch der Rolle des Gastes auf dem Boot bewusst und es war mir aus voran gegangen Reisen klar, dass der Master the man next god ist. Um es kurz zu fassen, wir hatten nicht das geringste Problem miteinander. Ich denke an dieser Stelle ist ein Dankeschön an den Armin angebracht, der mich dieses Abenteuer hat miterleben lassen.

Nach dem Ausfall unseres Wettervorhersagesystems hatte ich eigentlich nur noch den Job, dem Armin einen gesunden Schlaf zu garantieren, weil er so wusste, dass ihn jemand wecken würde wenn es Probleme gab. Das kam auch einmal vor, ich weiß aber nicht mehr warum. Irgendeine Kleinigkeit. Da wir jetzt aber nicht mehr unter unserem Parasail segelten, sondern mit dem normalen Hauptsegel und Genua unterwegs waren, hat sich zumindest mein Job etwas vereinfacht. Diese Segeltypen sind bei weitem nicht so anfällig bei Fehlern wie ein Parasail oder Blister. Dazu kam dann noch, dass ich mittlerweile auch schon ein paar Tage unterwegs war, den Autopiloten neu einstellen konnte und auch mal die Segel überholen konnte, wenn sich der Wind mal zu stark gedreht hatte. So musste ich auch nicht mehr den Armin aufwecken, als ich am Himmel den Mond von einer Seite des Bootes auf die andere wandern sah. Manchmal hat sich der Autopilot verabschiedet, was zur Folge hatte, dass sich das Boot rasch in den Wind drehte. So lange wir noch ein wenig Fahrt hatten, war es aber kein Problem das Boot zurück auf den alten Kurs zu drehen.

Ja, so vergingen 18 Tage auf See und ich konnte am Ende stolz auf den hinter uns liegenden Atlantik blicken. 2.700 Seemeilen oder ca. 4.930 Kilometer weiter Ozean liegen hinter uns. Ich finde es schon beeindruckend, welch große Strecken man mit doch eher gemächlicher Fahrt zurücklegen kann. Wobei auch unser Vmax von 21 Knoten oder fast 40 km/h auf so einem Boot dann einem doch Respekt einflößt aber das war eine Ausnahme, ein Zusammenspiel einiger günstigen Gegebenheiten und dauerte auch nur ein paar Sekunden. Ansonsten haben wir uns mit einer errechneten Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 11,5 km/h oder 6,2 Knoten fortbewegt. Was mich aber am meisten beeindruckte war, was diese zweieinhalb Wochen mit meiner Psyche anstellten. Ich habe noch nie so eine Entschleunigung erlebt. Die Elemente haben unseren Rhythmus bestimmt und sie waren gnädig gewesen. Mir war keine zehn Minuten langweilig und ich hatte den Kopf frei, nichts mehr war von dem ganzen Alltagsstress vorhanden. Die Gedanken kreisten genau so langsam durch meinen Kopf, wie wir uns durchs Wasser bewegten. Eine tiefe Entspannung, wie man sie in nur ein paar wenigen Tagen gar nicht erleben kann. Fast schon Meditation. Sicher war das ganze durch die Tatsache begünstigt, dass auf mir nicht die Verantwortung lastete aber auch der Armin hat durch seine ganze Art eine innere Ruhe ausgestrahlt, die sich auch auf mich übertragen hat. Wir waren uns zwei, drei Tage vor Ankunft einig, dass es uns absolut nichts ausmachen würde, wenn wir noch eine Woche länger gebraucht hätten.

Meine letzte Nachtwache, oder eigentlich war es eine Frühwache, weil wir irgendwann nach knapp zwei Wochen getauscht hatten, hat mir der Armin dann gegen 02:00 früh das Steuer überlassen. Achtern lief ein anders Schiff nach Backbord aus, dass erste was wir überhaupt auf der ganzen Überfahrt gesehen hatten. Jetzt hatte ich noch bis zum Tagesanbruch ein paar Stunden mit höchster Aufmerksamkeit den Horizont zu beobachten, weil jetzt natürlich Schiffsverkehr durchaus möglich war und unser Radar ja nicht funktionierte. Ich bekam einen Crashkurs um festzustellen, ob sich ein anderes Schiff auf Kollisionskurs befand aber das einzige was ich beobachten konnte, waren die Lichter von Antigua am Horizont, die immer mehr und immer größer wurden. Da waren wir also, wir hatten es geschafft. Keiner hat sich ein Bein gebrochen, niemand ist verhungert oder verdurstet und wir haben uns auch nicht gegenseitig zerfleischt. Wir sind keinen Monsterwellen begegnet und die Riesenkraken, die uns angegriffen haben, haben wir nur wegen der Kinder erfunden. Ich habe im Morgengrauen dann wieder dem Armin das Ruder übergeben, weil wir uns nun langsam in Küstennähe befanden und ich ohne Schein nicht in Küstengewässer segeln durfte und auch gar nicht konnte. Aufgewacht bin ich dann in einer kleinen Bucht im Nordwesten von Antigua. Da waren wir also nun, wir Helden…

Die Karibik

Wir erwarteten hohen Besuch. Die Freundin vom Armin, die vier Kinder der Beiden (2,4,8 und 9 Jahre) und seine zukünftigen Schwiegereltern. Aber erst in einer Woche, denn wir waren sehr gut in der Zeit. Wir nutzen diese Woche um ein wenig die Seele baumeln zu lassen, die Gegend zu erkunden und das Boot wieder klar zu machen. Wir sind nach Montserrat gesegelt, haben uns die Insel angeschaut und sind dort auch das erste Mal an Land gegangen. Der Vulkan auf Montserrat ist drei Tage vor unserer Ankunft wieder aktiv geworden und so konnten wir dort britische und einheimische Vulkanologen bei ihrer Arbeit beobachten. Wir haben die Insel, welche im Süden für jeglichen Verkehr gesperrt ist, mit dem Boot umrundet. Sind an der durch den katastrophalen Ausbruch 1995 völlig zerstörten Hauptstadt Plymouth vorbei gesegelt und haben den rauchenden und dampfenden Vulkan aus der Nähe beobachtet.

Wir waren schwimmen im zT über 30° Grad warmen, türkis-blauen Wasser. Wir beobachteten andere Segler, wie sie in die Häfen ein- oder ausliefen. Wir bestaunten noch größere Segelboote als unseres. Wir fuhren Rennen mit anderen Katamaranen, einfach so, ohne das irgendwie abzusprechen. Wir lernten neue Leute kennen. Wir haben vor Jolly Harbour geankert, das komplette Deck geschrubbt, die Bordtoiletten repariert, die Teakholzeinlagen neu eingelassen, das Edelstahl poliert, einen Bungalow mit Bootsanleger gemietet, die Restaurants gecheckt, die besten Schirmchendrinks rausgesucht, ausgelotet wie viele man davon gerade noch so trinken kann, die Nachrichten gelesen, Fußball geschaut, mit Freunden zuhause Kontakt aufgenommen. Kurz gesagt, wir haben uns langsam wieder an die Zivilisation gewöhnt. So waren wir nach einer Woche Akklimatisation bereit den Rest der Familie zu empfangen. Mit dann neun Personen insgesamt hat sich das Leben an Bord zwar völlig verändert aber selbst dazu war der Geist dann völlig bereit, sogar erfreut, fast euphorisch. Viele Dinge sind privat und ich möchte an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen aber selbst als ich dann nach einer weiteren Woche das Boot verlassen habe und nach Hause geflogen bin, um den Armin mit Freundin und Kindern die zweite Woche der Osterferien alleine verbringen zu lassen, war ich dann letztendlich glücklich nach Hause zurück zu kehren. Oder besser gesagt, ich bin glücklich nach Hause zurück gekehrt.

Wieder Zuhause

Als Fazit nehme ich aus den vergangenen knapp fünf Wochen eine tiefe Genugtuung mit. Ich bin stolz und dankbar etwas derartiges erlebt haben zu dürfen. Ich bin mehr als eine Erfahrung reicher und habe mir bis dahin völlig unbekannte Seiten meiner Psyche erfahren. Angenehme Seiten. Seiten, welche mir gezeigt haben, wie man sich wirklich entspannt, ja was es eigentlich heißt entspannt zu sein. Das ist etwas was ich gerne mit anderen teilen würde, aber gerade dieses mit sich selbst sein, ist der Punkt an dieser Sache. Ich wünsche jedem, dass einmal erleben zu dürfen.

Ob und wie lange das Boot in der Karibik bleibt, ist aber mittlerweile nicht mehr so klar. Es ist doch weit weg, eine elendig lange Anreise, vor allem für die kleineren Kinder. Mehrmals mit dem Flieger umsteigen, verliert man zwei ganze Tage nur für die An- und Abreise. Für ein langes Wochenende kaum ein geeigneter Liegeplatz. Vielleicht holt der Armin es ja bald zurück und vielleicht darf ich dann auch wieder dabei sein. Vielleicht nach Italien oder Griechenland, beides ist für uns Süddeutsche schnell zu erreichen. Der Rückweg verspricht auch wesentlich spannender und anspruchsvoller zu werden, dauert länger und ist auch nicht ganz ungefährlich. Mal schauen, was die Zukunft so bringt. Als ich vor zwei Jahren einer Bekannten gegenüber erwähnte, dass ich mich mental stark genug fühlen würde, den Atlantik mit einem Segelboot zu überqueren, hatte ich nie und nimmer damit gerechnet, dass das tatsächlich mal passieren würde…

pronto 2012/06/09 17:17